Die kleinen Wilden-über das Beikraut

von Gartenphilosophin (Kommentare: 0)

Wenn das "Unerwünschte" seine Schönheit zeigen darf

Großes Schöllkraut, Chelidonium majus
Schöllkraut grüsst unter Bäumen

Gestern bin ich durch den heissen Garten zu den Hühnern gegangen, um ihnen frisches Wasser zu bringen. Auf dem Weg fiel mein Blick auf die Wiese und auf die vielen kleinen Wilden, die da im Moment das Blühen begonnen haben.
Wenn ich Insekten photographiere, dann hat sich mein Blick schon auf das kleine Insekt "heruntergeschraubt". Dies ist mir dann auch mit den Wiesenkräutern so gegangen. Den Blick vom Gras zu lösen und auf die kleinen Pflänzlein zu richten, das ist eine bunte Welt, über die ich eigentlich unbeachtet mit dem Rasenmäher fahre oder sie den Pferden zum Frass überlasse.
Also bekamen die Hühner ihr Wasser und ich dümpelte so durch den Garten, den Blick auf die Wilden gerichtet.
In einem meiner ersten Beiträge (s. Link) habe ich schon einmal über die Frage nach dem Beikraut gestellt.

Spitzwegerich, Plantago lanceolata
Der Spitzwegerich blüht

Beikraut im Auge des Betrachters

Was für den einen bekämpfenswertes Unkraut ist, das sich GärtnerInnen bei dem Anblick in einer makellosen Wiese oder eines gepflegten Beetes die Nackenhaare aufstellen lassen, ist für den anderen ein Ausdruck von Vielfalt und Schönheit.
Weder will ich für die einen noch für die anderen Partei ergreifen, die Entscheidung über "Was ist schön" muss jeder für sich entscheiden.
Jedoch mit offenen Augen das Kraut im Beet, in der Hecke oder im Rasen zu betrachten, bedeutet sich einzulassen, was der Garten selber an Ideen und Gartenbildern mit entwickelt.

Wundklee
Der kleine Wundklee hat in seinem Gelb einen großen Auftritt

Farbe macht die Wiese bunt

Es blüht in gelb, es blüht in weiss, in pink und allen Schattierungen, auch blau fehlt nicht. Es sind nicht die großen auffallenden Kräuter, wie der Löwenzahn oder das Jakbobskreuzkraut, das in den Wiesen steht, es sind die vielen kleinen Farbtupfer, die den Gang durch den Garten interessant machen. Wenn wir nicht gleich alles bekämpfen und rausrupfen, sondern uns einlassen auf die Mischung von Wild und Kultur, dann erschafft der Garten seine ganz eigenen Bilder und bezaubert uns mit eigenen Kompositionen.
Mir gefällt das sehr gut.

Ackersteinsame
Die Ackersteinsame ist klein aber wunderschön

Das kleine Wilde bereichert

meinen Garten ungemein. Ich weiss, das viele GärtnerInnen, das kaum ertragen, wenn der Rasen verunkrautet. Mir ist es wichtig, Vielfalt in den Garten kommen zu lassen und nur da einzugreifen, wo es für meinen Geschmack zu viel wird. Quecke im Beet z.B.; aber das ist (m)eine Dauerleier. Warum aber ist das so? Eine fette Wiese, die ich einmal die Woche kurz halten muss, schafft Arbeit und benötigt viel Chemie und Energie. Da ich persönlich meine Kraft und Energie gerne woanders verwende, lasse ich viele Bereiche im Garten wachsen. Über die Pflänzlein freue ich mich und betrachte gespannt, was sich entwickelt hat und entwickeln wird.

Gänsefingerkraut
Das Gänsefingerkraut hat sich in der Mauerfuge festgesetzt

Wiesenproblem

Das Problem auch hier ist mein begrenztes Wissen, über das, was ich sehe. Deshalb kann ich nicht alles benennen, was ich sehe. Leider. Meine Freude über das, was ich sehe ist dagegen riesig.
LIch kann es zulassen, das der Rasen eine Eigendynamik entwickelt, denn es schafft Vielfalt. Einige Insekten sind auf bestimmte Kräuter und Gräser angewiesen, um sich entwickeln und vermehren zu können.
Ich werde mich da noch mehr reinlesen müssen, um darüber berichten zu können. Bisdahin lasse ich wachsen, betrachte und zeige Euch Gartenschönheiten, dieich benennen kann oder auch nicht.
Mein Rasen ist lückiger geworden, es schafft allerdings freie Flächen, die z.B. Sandbienen die Möglichkeit bieten, im Boden zu siedeln.

Hirtentäschelkraut
Immer wieder finde ich Hirtentäschel, mein Lieblingskraut der Kindheit

Viele GärtnerInnen betrachten ihren Barfuss wunderbar weich zu betretenden Rasen und freuen sich an ihm. Diese perfekten Wiesenflächen sind aber tote Fläche, sie haben kaum Nutzen. Kein Käfer, kein Schmetterling, der davon Nutzen hat. Sie sind wirklich nur zum Mähen angelegt.
Wer hat schon mal überlegt, das Düngen zu beenden? Die Mahdperiode zu verlängern? Das Mahdgut abzutragen? 
Wer das tut, kann folgende Beobachtung machen: Es werden sich neue Pflanzen einstellen.
Eine standortgerechte Wiesengesellschaft entsteht. Seltene oder häufige Beikräuter, Gräser und Stauden stellen sich ein. So lernt Ihr Euer natürliches Umfeld von ausserhalb Eures Gartens kennen, was wuchs hier ursprünglich? Lange bevor alles weggespritzt und weggepflegt wurde?
Nichts gegen gepflegt, ich pflege meinen Garten auch. Nur eben gelassener und nicht an allen Stellen!
Quecke? Raus aus dem Beet. Durch Ameisen herangetragene Digitalis? Darf bleiben. Kleiner Sauerampfer? Im Rasen der Streuobstwiese ja, in den Beeten nein! So begleite und lenke ich die Vorschläge der Natur, was es sonst noch so gibt und sich bei mir blicken lässt.

Geum
Eine eigene Kreation des Gartens

Großes oder kleines Gartenbild?

Was ich sagen will: Schaut Euch die kleinen Wilden im Garten mal an oder am Wegesrand, wenn da nicht der gleiche Mähwahnsinn herrscht.
Wir sind es gewohnt, große Gartenbilder in der Übersicht zu sehen. Das ist auch gut, und gepflegt sieht es schön aus, aber eben Hochglanz. Hochglanz hat aber noch wenigen Tieren geholfen.
Vielleicht könnt Ihr eine Ecke im Garten experimentell und sortiert abmagern und ihr einen gewissen freien Lauf lassen?
Das wilde Eck schaffen?
Es entstehen Gartenbilder im Kleinen, für die man sich bücken muss, um sie genauer zu betrachten.
In meinem Garten ist die hintere Streuobstwiese der Teil, den ich wild wachsen lasse und im Grunde nur zweimal im Jahr durch die Pferde abmagere. Sie grasen das ab, verdauen das "Grasgut" und helfen so beim Abmagern. Dadurch hat sich die Pflanzengesellschaft mehr und mehr verändert, ich dünge bewusst nicht und räume den Mist der Pferde von der Fläche weg.

Wilde Möhre und Schöllkraut
Auch die Wilden schaffen schöne Pflanzbilder

Wiesenbilder

Vielleicht inspirieren Euch die Bilder der kleinen Wilden, selber den Blick auf das Kleine zu richten. In der Wiese, in den Busch oder Baumreihen, in den Beeten und den Gartenelementen, die Ihr in Euren Gärten verbaut habt.
Bei uns hat sich im Süden an den Grenzbäumen des Grundstücks eine eigene Saumgemeinschaft entwickelt, Schöllkraut, Wilde Möhre, Günsel, etc hat sich dort etabliert.
In der Natursteinmauer hat sich das Gänsefingerkraut angesiedelt. Überall steht Digitalis und schafft die schönsten Gartenbilder, wenn es blüht. Der darf in den Beeten bleiben und sich versamen. Bisher ist er nie zuviel geworden.

Wolliges Honiggras
Wolliges Honiggras

Kritik am Unkraut

Klar kann die Nachbarschaft sich an dem Gewucher stören, auch kann die Gemeinde darauf bestehen, Randstreifen zur Strasse hin "sauber" zu halten.
Hier in meinem Garten kann ich das leicht umsetzen, denn wir leben hier sehr ländlich idyllisch und das in entspannter Nachbarschaft.
Deshalb mein Tipp - wer es noch nicht hat: Lasst in einen bestimmten Bereich im Garten sich einfach mal allein entwickeln. Dann schaut, WAS sich zeigt.
Vor allen die kleinen Wilden, die sich einstellen sind faszinierend und bereichern den Garten.
Den Blick auf diese zu richten ist so spannend und faszinierend. Im Kleinen finden sich ebenso viele verschiedenen Farben und Formen, wie im großen Gartenbild.

Das große Gartenbild ist schön, der Blick auf das Kleine im Gartenbild faszinierend!


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